Zug fahren in Kuba: Mit dem Hershey Train von Matanzas nach Havanna

Mit dem Hershey Train nach Havanna

Mit dem Hershey Train nach Havanna

Kuba ist die einzige Karibikinsel mit einer Eisenbahn. Das Schienennetz wurde im 19. Jahrhundert von den Zuckerbaronen aufgebaut, um ihre Waren schnell vom Feld zu den Mühlen und Häfen zu transportieren. Wer mit dem Zug reist, wählt ein vergleichsweise unzuverlässiges Reisemittel. Verspätungen sind an der Tagesordnung, manchmal fallen Züge aus oder bleiben unterwegs stehen. Die Schienen sind marode und es fehlt wie so oft an Ersatzteilen. Wer sich dem Abenteuer Zugfahrt trotzdem stellen möchte, empfehle ich eine Fahrt mit dem Hershey Train. Wer diese Zugreise macht, kann kubanisch reisen hautnah erleben.

Der Hershey Train ist derzeit die einzige elektrifizierte Zugstrecke in Kuba. Die 135 km lange Strecke wurde 1917 von dem Schokoladenkonzern Hershey errichtet und führt von Matanzas bis nach Casablanca in Havanna. Am frühen Morgen unserer Abreise regnet es. Unsere Gastgeberin Señora Rodríguez Vera begrüßt uns beim Frühstück mit den Worten, es gäbe ein Problem. Wegen dem Regen kann es sein, dass der Zug nicht fahren kann. Na prima, keine zwei Tage in Kuba und schon gestrandet. Ein Telefonat später die beruhigende Nachricht, wenn es nicht weiter regnet, fährt der Zug.

Fußgängerbrücke über den Río Yumurí

Fußgängerbrücke über den Río Yumurí

 

Über eine Fußgängerbrücke überqueren wir den Río Yumurí. Direkt auf der andern Seite stößt man auf die Gleise und der Bahnhof wird sichtbar. Müll liegt am Wegesrand, daneben grasen Kühe und Ziegen. Der Zug steht bereits da, doch die Fahrt soll laut Fahrplan erst um 12:09 Uhr losgehen. Wir sind zu früh, der Ticketschalter ist noch geschlossen, also laufen wir mit unseren Rücksäcken noch eine Runde um Wasser zu kaufen. Kurz nach 10 Uhr sind wir wieder am Bahnhof. Im Wartesaal sitzen bereits einige Kubaner. Uns ist nicht ganz klar, ob sie wie wir auf den Zug warten oder nur das Bahnhofstelefon nutzen wollen. Es ist ein Kommen und Gehen, neben uns spielt eine Band kubanische Musik und Oldies, im Kopf singe ich bei Hotel California mit. Warten scheint in Kuba ganz normal und so füllt sich der Wartesaal mit immer mehr Menschen. Etwa eineinhalb Stunden vor Abfahrt startet der Ticketverkauf. Die dreieinhalbstündige Fahrt kostet uns 2,80 CUC (2,02 Euro).

Auf der Wiese vor dem Bahnhof grasen die Kühe

Auf der Wiese vor dem Bahnhof grasen die Kühe

 

Kurz nach 12 Uhr öffnet der alte, hagere Bahnhofsvorsteher die Gleise und die Menschen drängen sich in den Zug. Neben uns fahren ein deutsches Paar und drei schottische Touristinnen mit, alle anderen Fahrgäste sind Kubaner. Links neben mir sitzt ein alter Mann mit ungepflegten Fingernägeln, einige davon hängen lose am Finger. Ein Mann mit in Papier gewickelten Zuckerstangen läuft durch den Gang. Seine Ware findet reisenden Absatz bei den Kubanern. Mein Nachbar erklärt uns, dass die Stangen mit Minzgeschmack sind. Er bietet uns an zu probieren, wir lehnen höflich ab. Ein junger Mann gegenüber kaut die Stangen als ob es Gummibärchen sind. Kein Wunder also, dass es viele Kubaner mit fehlenden Zähnen gibt.

Hershey Train Bahnhof in Matanzas

Hershey Train Bahnhof in Matanzas

 

Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Sitze sind unbequem, doch die Spannung der Fahrt macht das wett. Wir schauen aus den Fenstern, fahren an Hütten, Wäldern, Wiesen und Berghügeln vorbei. Der Zug hält an den meisten Dörfern, über eine Steintreppe gelangen die Reisenden in den Zug.

Meinem Nachbarn werden wir wohl zu langweilig und er setzt sich eine Bank vor uns um mit einer anderen Mitreisenden ein Gespräch zu beginnen. Doch der Platz neben mir bleibt nicht lange leer. Diesmal spricht der Mann neben uns ein paar Brocken Englisch. Er wundert sich, warum wir mit dem Zug fahren. Er erzählt uns, dass es nicht komfortabel ist und langsam obendrein.

Im Hershey Train gibts Erlebnis statt Komfort

Im Hershey Train gibts Erlebnis statt Komfort

 

Langsam tuckern wir durch die kubanische Landschaft, bis der Zug plötzlich stoppt. Einige Männer kommen zusammen, laufen am Zug entlang, holen Werkzeug und öffnen in unserem Abteil eine große Luke. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ein Autowrack, dass auf dem Dach liegend vor sich hin rostet. Eine gute Stelle um mit dem Hershey Train liegen zu bleiben. Wir beobachten die mitreisenden Kubaner, alle bleiben ruhig und schauen gelangweilt drein. Für uns ein Zeichen sich keine Sorgen zu machen und einfach abzuwarten. Wir warten über eine Stunde und beobachten die Männer, die versuchen den Zug zu reparieren. Es braucht ein paar Anläufe, doch irgendwann fährt der Zug weiter.

Kleine Pause für einen Reparatureinsatz

Kleine Pause für einen Reparatureinsatz

 

Auf halber Strecke wechseln wir den Zug, ich glaube, weil die Strecke nur eingleisig ist und somit die Züge immer nur bis zur Mitte fahren. Es geht zu schnell um richtig zu schauen, doch ich glaube, es ist die Station Hershey, an der wir umsteigen. Ab jetzt wird der Zug immer voller. Wir fahren an alten Zuckermühlen und Ruinen vorbei. Je näher wir an Havanna kommen, desto mehr Häuser sehen wir. Manche davon sehr schäbig und ärmlich.

Ruinen am Wegesrand

Ruinen am Wegesrand

 

Die Menschen im Zug unterhalten sich angeregt, kurzfristig haben wir den Eindruck, dass sich eine kleiner Schlägerei entwickelt, vielleicht ist es auch nur ein besonders temperamentvolles Gespräch. Es gibt so viel zu beobachten und zu schauen, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Plötzlich sind wir da, am Bahnhof Casablanca.

Hershey Train Bahnhof Casablanca in Havanna

Hershey Train Bahnhof Casablanca in Havanna

 

Wir steigen aus und schauen uns etwas verloren um. Und wie kommen wir jetzt auf die andere Seite der Bahía de la Habana? Ein Kubaner bemerkt unsere fragenden Blicke und schickt uns zu einem Haus neben dem Bahnhof. Dort ist auch das deutsche Paar hin verschwunden. Als wir durch die Tür gehen, sehen wir drei bewaffnete Männer, die das Gepäck der Deutschen durchsuchen. Oh ha, keine Ahnung, was das soll, aber es wird schon irgenwie richtig sein. Ich öffne meinen Rucksack und lächle freundlich. Wir werden weitergewunken. Und jetzt endlich verstehen wir, es ist eine Fähre, die uns für 2 CUC ans andere Ufer bringt. Das war alles einfacher als gedacht und nur ein ganz klein wenig abenteuerlich. Die Fahrt mit dem Hershey Train war ein tolles Erlebnis und ist absolut empfehlenswert.

Gut zu wissen

Laut Fahrplan, der am Bahnhof aushing, fährt der Hershey Train in beide Richtungen dreimal täglich von Mantanzas nach Casablance in Havanna. In Matanzas waren die Zeiten 4:39, 12:09 und 16:25 Uhr ausgeschrieben, allerdings erkundigt man sich am Besten vor Ort nach den aktuellen Zeiten. Die Fahrt mit dem Hershey Train kostet 2,80 CUC (ca. 2,02 Euro) pro Person. Die Fahrt mit der Fähre von Casablanca auf die andere Seite 2 CUC (ca. 1,44 Euro) pro Person. Nehmt euch auf jeden Fall was zu trinken und zu essen mit, den einen Speisewagen sucht man im Hershey Train vergeblich.

7 Kommentare zu “Zug fahren in Kuba: Mit dem Hershey Train von Matanzas nach Havanna

  1. bundeskater

    Achja, wir sind damals andersrum gefahren. Von Havana Richtung Matanzas. Auch vor 15 Jahren schon ein Erlebnis. Freut mich, dass der Zug noch immer fährt.
    Für jeden Kuba und/oder Eisenbahnfan ein muss.
    lg
    marcel

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  2. Izabela

    Wow, die Stühle sehen aber sogar noch mehr als unbequem und ungemütlich zusammen aus haha. Das mit der „Kommst-du-heute-kommst-Morgen“-Mentalität ist in vielen Ländern der Welt Alltag. Es kann nervig sein, aber auch entspannend. Wenn man es nicht gerade eilig hat. Mich beruhigt so etwas jedenfalls immer, weil die Menschen um mich herum auch viel gechillter sind. :)

    Liebe Grüße,
    Izabela

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    • Sonya Schlenk Author des Beitrags

      Die Fahrt war so aufregend, dass ich die unbequemen Stühle vergessen habe. Und als der Zug dann richtig voll wurde, war ich sogar dankbar dafür. Mich entspannt es auch, wenn die Menschen um mich rum gechillt sind. Und eilig hatten wir es an diesem Tag überhaupt nicht. Wir wollten nur ankommen und das hat prima geklappt.

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  3. Heike

    Mit dem Zug durch Kuba zu fahren sieht für mich nach einer ganz schön spannenden Geschichte aus. Ich überlege schon lange, einmal nach Kuba zu fahren. Aber ob ich mich trauen würde, mich in so einen Zug zu setzen, da bin ich mir nicht sicher. Ich bin ein ganz schöner Angsthase.
    Vielen Dank für die schöne Beschreibung.

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    • Sonya Schlenk Author des Beitrags

      Hallo Heike, vielen Dank für deinen Kommentar. Das mit dem Angsthase sein kann ich total nachvollziehen, ich bin auch einer. Die Zugfahrt mit dem Hershey Train ist ziemlich einfach. Bei unserer Fahrt waren wir nahezu die einzigen Touristen. Die Kubaner waren allesamt sehr freundlich, einigen schienen auch wenig Interesse an uns zu haben. Die Fahrt war sehr entspannt. Teilweise hab ich mich trotzdem komisch gefühlt und doch war es eines der schönsten Erlebnisse unserer Kubareise. Es lohnt sich, den Angsthasen an die Hand zu nehmen und einfach zu machen.

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