[Gastbeitrag] Paralleluniversen – Zwei Tage in Jerusalem

Eben war ich noch am Zentralen Busbahnhof in Tel Aviv und plötzlich stehe ich am Damaskustor in Jerusalem. Das Damaskustor verschluckt einen geradezu, wie ein Tor in eine andere Welt. Plötzlich bin ich im Orient. Straßenhändler, Marktstände, es gibt Kräuter und Gemüse, welches ich nicht kenne. Weihrauch, Tücher, Kopfbedeckungen – aber auch Handyhüllen, Zigaretten, Teddybären. Ein alter Mann schiebt einen Karren durch die Gasse, ein Junge trägt ein Tablett mit Tee. Ultraorthodoxe Juden laufen mit gesenktem Kopf eiligen Schrittes die Gasse entlang, zwirbeln an ihren Schläfenlocken.

(Foto: Sabine Baumeister)

(Foto: Sabine Baumeister)

Erstmal ankommen, einen Kaffee trinken und alles auf sich wirken lassen. Sich ein bisschen umschauen und feststellen: ich sitze in der Via Dolorosa. Ich bin nicht religiös, aber katholisch erzogen und finde es doch ein bisschen aufregend, an diesem Ort zu sein. Eine kleine Gruppe von Pilgern trägt ein großes Holzkreuz die Via Dolorosa entlang. Eine ganze Busladung Pilger kommt aus der anderen Richtung, jede Teilnehmerin trägt voller Andacht ein kleines Holzkreuz vor sich her. Eine Gruppe arabischer Schulmädchen läuft kichernd vorbei und in der eigentlich autofreien Jerusalemer Altstadt steht eine alte Karre, an der ein paar coole Jungs rumschrauben, nebenher rauchen und laute Musik hören.

Ich gehe weiter, lasse mich vom Menschenstrom treiben. Plötzlich eine Art Checkpoint. Ich werde durchgelassen und stehe unvermittelt an der Klagemauer. Eben war das Stadtbild noch von Muslimen geprägt, nun sind es fast ausschließlich Juden und natürlich Touristen. Die Männer beten links, die Frauen rechts, dazwischen ist ein Zaun. Die Inbrunst des Gebets verwirrt mich, diese totale Versenkung darin ist etwas, was ich nicht kenne. Viele betende jüdische Frauen wiegen sich in einem bestimmten Rhythmus, küssen ab und an die Seiten des Gebetsbuchs. Amerikanische Touristen halten die Kameras ganz nah drauf.

Der Tempelberg. Am Eingang ein Schild des Rabbis, dass den Juden das Betreten verboten sei. Vor 3000 Jahren haben hier die Israeliten laut Bibel den ersten Tempel gebaut, *das* Heiligtum der Juden. Der erste und der nachfolgende zweite Tempel wurden zerstört, seither warten die Juden auf den dritten Tempel, nur ist genau hier auch der Prophet Mohammed in den Himmel aufgestiegen und damit auch für den Islam ein superheiliger Ort.

(Foto: Sabine Baumeister)

(Foto: Sabine Baumeister)

Weiter ins Jüdische Viertel, das Stadtbild ist gleich sehr anders, viele ultraorthodoxe Juden in vollem Ornat. Das Straßenbild finde ich faszinierend und auch irgendwie fremd. Ich sehe wenige Frauen, viele Männer. Und alle scheinen es immer eilig zu haben, der hastende Schritt, der gesenkte Blick. Ich würde wahnsinnig gerne Kontakt aufnehmen, mir Hintergründe erklären lassen. Auf einem kleinen Platz spielen lachende Jungs Fußball. Fußball geht offenbar immer, in jeder Kultur.

Ich gehe ein paar Ecken weiter, plötzlich wieder Basar-Atmosphäre. Die Andenkenläden verkaufen Dornenkronen neben Kippas. Kerzen, noch mehr Kerzen und das „Holy Land“-Starterkit (Top-Mitbringsel für meine Mutter!). Und dann plötzlich eine Kirche – bzw. ein Konglomerat an Kirchen, Kapellen, Altären – alles ein riesiges Durcheinander und total verbaut: Die Grabeskirche, der mutmaßliche Ort der Kreuzigung Jesu. Und offenbar hat quasi jede Konfession, die irgendwas mit Jesus zu tun hat, sich hier ein paar Quadratmeter gesichert, selbst auf dem Dach wohnen noch ein paar Äthiopische Mönche. Und weil auch die Christen offenbar um jeden Zentimeter Raum streiten, wird der Schlüssel zur Kirche seit Jahrhunderten von zwei muslimischen Familien verwaltet. (Wäre vielleicht auch eine Idee für den Tempelberg, den Schlüssel dafür könnte man ja dann wiederum den Christen anvertrauen.) Neben Touristengruppen und Trubel gibt es auch hier Andacht und Versenkung ins Gebet. Um auf Nummer sicher zu gehen, berühre ich den „Salbungsstein“ und zünde ein paar Kerzen an. Man kann ja nie wissen.

(Foto: Sabine Baumeister)

(Foto: Sabine Baumeister)

Ein weiterer Spaziergang führt mich in den Stadtteil Mea Shearim, außerhalb der Stadtmauer. Mea Schearim wird überwiegend von ultraorthodoxen Juden bewohnt. An der Hauptstraße ein großes Schild: „Groups passing through our neighborhoods severly offend the residents. Please stop this.“ Man bleibt offenbar lieber für sich. Und wieder: eilig vorbeihastende Männer, kein Blickkontakt. Wandzeitungen, Synagogen, kaum Geschäfte. Eine andere Welt, die sich mir nicht erschließt, die ich aber gerne verstehen würde – die aber, so scheint es mir, gar nicht will, dass ich sie verstehe.

Auf engsten Raum bewegen sich so viele Welten, die sich jedoch kaum zu begegnen scheinen. Der ultraorthodoxe jüdische Alltag zwischen Schriftstudien und Gebet, die arabischen Händler, der Gesang der Muezzine, die relative Farbigkeit im Arabischen Viertel, die relative Stille im Jüdischen Viertel, Pilger, Touristen, Jugendliche, Schulkinder, u.v.a.m.. Es muss auch ein säkulares, modernes Jerusalem geben, auch ein Jerusalem der Palästinenser (jenseits der Altstadt), das der Israelischen Siedler etc. pp. Es gibt also noch genug zusätzliche Paralleluniversen zu entdecken. Und so hoffe ich wiederzukommen – in diese wunderschöne, verrückte, anstrengende und spannungsgeladene Stadt.

Meine schönsten Jerusalem-Momente

Moment Nr. 1: Die Via Dolorosa entlang, zum Löwentor hinaus, den Berg hinunter, durch den Garten Gethsemane. Auf der anderen Seite den Ölberg hinauf, am Jüdischen Friedhof vorbei. Und dann in der Abendsonne sitzen und zusehen, wie hinter der Altstadt die Sonne untergeht.

(Foto: Sabine Baumeister)

(Foto: Sabine Baumeister)

Moment Nr. 2: Auf dem Dach des Österreichischen Hospizes stehen, zufällig genau in dem Moment, als das Nachmittagsgebet losgeht und aus allen Minaretten der Ruf zum Gebet ertönt.

Moment Nr. 3: Beim Schlendern durch einen der Souks 87 mal auf die Frage, ob ich hier nicht doch etwas kaufen will, „nein“ antworten und beim 88. mal dann eine Sekunde gezögert und schwupps, war ich mittendrin im Verhandeln. Es wurde ein Hocker gebracht, dann wurde jemand nach „Chai bil nana“ (Tee mit Minze) geschickt, denn „we make business now“. Wie oft ich in den folgenden Minuten dann ein theatralisches „don’t break my heart“ gehört habe, weiß ich nicht mehr – aber am Ende waren wir beide zufrieden und ich um ein Erlebnis reicher.

Meine Jerusalem Tipps

Wohnen: z.B. in einem der Christlichen Hospize, Liste gibt es beim Christian Information Centre.

(Foto: Sabine Baumeister)

(Foto: Sabine Baumeister)

Essen: Gebäck! Ich weiß, alle lieben Hummus, Falafel & Co, das gibt’s auch überall und ist lecker. Aber was so richtig, richtig superlecker ist: Mini-Gebäck vom Arabischen Bäcker. Ich sehne mich noch immer nach deren Zimtschnecken oder kleinen Schokocroissants. Und wenn man mal Heimweh hat: ein Wiener Schnitzel im Österreichischen Hospiz – serviert von einer Österreichischen Nonne!

Trinken: Granatapfelsaft, frisch gepresst. Immer und überall. Ich vermisse ihn!

Anschauen: 24h Jerusalem (Noch 2 Monate in der Mediathek abrufbar!)

Über Sabine

Gastautorin Sabine BaumeisterDas Reisen habe ich erst spät entdeckt, Flugangst hatte mich jahrelang daran gehindert, über Festland-Europa hinaus zu kommen. Ich finde Fliegen immer noch eher mittelentspannend – habe aber inzwischen gemerkt, dass am Ende eines Fluges meist tolle Abenteuer warten! Ich fotografiere und gärtnere gerne und habe das große Glück, auch beruflich ab und zu den Fuß auf unbekannten Boden setzen zu dürfen.
Mehr von mir unter www.sabinebaumeister.de.

Ein Kommentar zu “[Gastbeitrag] Paralleluniversen – Zwei Tage in Jerusalem

  1. Sonya Schlenk

    Vielen Dank für deine Einblicke und Tipps, liebe Sabine. Jerusalem hört sich nach einer wahnsinnig spannenden Stadt an. Auf meiner Reisewunschliste ist Israel nun auf jeden Fall deutlich nach oben gerutscht.

    Antwort

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